Auf den Spuren der Grass'schen Seele

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Eine überraschend vitale Debatte entstand in Deutschland anlässlich des Gedichtes von Günter Grass. In vielen Artikeln konnte überzeugend die verquere Logik und die falschen Ansätze seiner Argumentation nachgewiesen werden.

 

Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn nicht die richtige Etikettierung eine ganz wichtige Rolle gespielt hätte. Während in anderen Ländern man sich wenig dafür interessierte, ob die Wertung als antisemitisch die Sache trifft (Israel), oder man sie ganz selbstverständlich anwendete (Frankreich) entstand in Deutschland ein Nebenkriegsschauplatz, auf dem man sich vortrefflich streitete, ob dieses Etikett zutreffend ist oder nicht und die Diskussion um die Inhalte dabei fast vergass.

 

Es gab auch andere Auswüchse der Diskussion : Es war einigen nicht genug, die moralische Integralität von Günter Grass, die er für sich selbst ins Feld führt, glaubwürdig infragezustellen. seine politischen Prämissen und Argumente als falsch und die möglicherweise gefährlichen Konsequenzen dieser Argumente nachzuweisen. Nein, man spielte auch den Seelendoktor, den Amateur-Psychologen oder Amateur-Psychiater, der auf den Spuren der Grass'schen Seele seine seelischen Defizite auskundschaftet und nebenbei zeigt, wie falsch der von Holocaust-Schuldgefühlen gebeutelte Deutsche reagieren kann, siehe Grass, und wie richtig man selbst, der Autor des jeweiligen Artikels/Beitrages, sich verhält in diesem Teufelsrad.

 

Das hört sich in gröbster Schlichtheit so an : « eine psychiatrische Auffälligkeit » « nicht mehr Herr seiner Sinne.... er sieht sich als allmächtig » « gefährlicher Wirklichkeitsverlust. » «  Verlust der Souveränität » «  Kontrollverlust » « größenwahnsinnig und allmachtswahnsinnig «  Dies sind Schnipsel eines Focus-Gespräches mit Professor Bock, Ästhetikprofessor und überhaupt kein bisschen Psychiater im Nebenberuf. (1) Fundierter hingegen Klaus Briegleb, Literaturhistoriker, der von einer « Attacke als Verdrängung  « spricht, fragt : »was steckt hinter … den Angriffen auf Israel? Auch eigene Schuldgefühle? Wird so der Versuch unternommen, die eigene Vergangenheit und die Vergangenheit seines Landes zu versöhnen? », antwortet : « Weil die Deutschen mit der Schuldfrage nicht fertig würden und diese nicht so analysierten, dass sie nicht zur Selbstzerfleischung, sondern zur Selbstrettung wird. »(2).

 

Aber ob grob stümperhaft oder fundiert – diese Methode ist anmassend und darf sich nicht in öffentlichen Debatten in einem demokratischen Land durchsetzen. Den Autoren fehlt jedes Mandat für die selbsterteilte psychiatrische Mission und Aufklärungsarbeit. Keine Straftat wurde begangen, kein Gutachter bestellt. Aber : den politischen Gegner durch psychiatrische Beurteilungen zu diskreditieren, ihn gesellschaftlich und später meist auch tatsächlich aus dem Verkehr zu ziehen – das waren Methoden totalitärer Gesellschaften. Ein Hauch dieser totalitären Anmassung wehte durch so manchen Beitrag in der Diskussion um Günter Grass, eine Schattenseite in dieser oft wertvollen und auch kreativen Auseinandersetzung um etwas, das so tat, als wäre es ein Gedicht.

 

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  1. http://www.focus.de/politik/deutschland/aesthetik-professor-brock-zu-grass-gedicht-er-hat-in-gravierender-weise-kontrollverlust-erlitten_aid_734426.html

  2. http://www.rp-online.de/politik/deutschland/guenter-grass-die-attacke-als-verdraengung-1.2787513

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Abu Sheitan 12/04/2012 12:53


Bei Freuds Bart, da haben Sie doch tatsächlich in Ihrem Artikel den Bazon zum Bock (sic!) gemacht. :-)

reinerschleicher.over-blog.com 13/04/2012 23:16



danke für Ihren witzigen Kommentar.