Fortsetzung einer unbefriedigenden Korrespondenz ...

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Fortsetzung einer unbefriedigenden Korrespondenz

mit dem Kölner Polizeipräsidium


Reiner Schleicher

***

 

 

Polizeipräsidium der Stadt Köln

z Hd Herrn Behrender

 

                                                                                                                                                                             13.01.2011

 

Sehr geehrter Herr Behrender,



Ausnahmsweise schreibe ich Ihnen heute ausschliesslich im eigenen Namen.



Ich möchte Ihnen für die erhellenden Ausführungen in Ihrem Schreiben danken; erhellend waren sie leider nicht über die Sache selbst, sondern über die spezifisch Köllsche Konzeption von « Demonstration. »

 

Ich zitiere:

"Bei der Installation handelt es sich nach Auffassung des Gerichts nicht um einen reinen Informationsstand, an dem nur einseitig Informationsangebote weitergegeben werden. Wesentliche Bestandteile der "Klagemauer-Installation" sind Stellwände mit handschriftlichen Meinungsäußerungen temporärer Teilnehmer. Hierzu werden von den Veranstaltern Pappkartons und Stifte bereitgehalten. Die von temporären Teilnehmern beschrifteten Karten bleiben grundsätzlich mehrere Tage hängen."

Sie sagen nicht positiv, um was es sich handelt bei der Klagemauer. Es handele sich (für Sie) NICHT um einen reinen Informationstand (...). Worum handelt es sich dann? Sie vermeiden es, dies ausdrücklich zu sagen: Sie betrachten, rechtlich gesehen, die Hasswand als eine « Demonstration ».


Jahrgang 1954, habe ich eine jahrzehntelange Erfahrung in (friedlichem) Demonstrieren, vom Vietnamkrieg bis in die heutigen Tage. Ich dachte also, ich wüsste, was das ist, eine Demonstration und vor allem, was nicht.



Ich dachte bislang, eine Demonstration bewegt sich und der Verkehr, abschnittsweise, bleibt dabei stehen. In Köln aber ist es umgekehrt. Die Demonstration rührt sich nicht von der Stelle, aber der Verkehr fliesst.


Eine Demonstration ist nicht mehr eine Ansammlung MEHRERER Personen, die eine bestimmte Strecke miteinander marschieren. Eine Demonstration kann auf der selben Stelle bleiben, und zwar nicht, weil es wegen der Masse an Menschen mal nicht vorwärts geht, oder weil es ein Gerangel gibt um die Reihenfolge, sondern weil es nur EINER ist. Eine Demonstration kann aus einer wahrhaften Person bestehen, hier Walter Herrmann, und auftauchenden und gleich wieder verschwindenden Personen, die schnell was schreiben auf Pappkartons, sogenannten "temporären Teilnehmern", eine Art Gespenster. Mitteilungen auf Pappkartons sind für das Kölner Polizeipräsidiums gleichwertig mit realen Personen einer Demo. Diese Art von Demonstration hat natürlich mehrere Vorteile: Für temporäre Teilnehmer braucht man keinen Ordnerdienst und keine Polizei, sie sind pflegeleichter und umweltfreundlicher als reale Demonstranten.

 

Das letzte herausragende Merkmal in der Köllschen Konzeption von « Demonstration » ist, dass dieselbe Demonstration jeden Tag geschieht. Selbst in totalitären Staaten, als es für die Bevölkerung viel gesünder war mitzumarschieren als es nicht zu tun, hat man den Traum der täglichen Demonstration nicht erreicht. Hitler und Honnecker würden vor Neid erblassen, wenn sie wüssten, was Walter Herrmann in Köln erreicht hat: eine tagtägliche Demonstration.



Deutsche Ideen haben Ansehen in Frankreich und sind oft Anlass zu einer interessanten Geschäftsidee. Gründe genug zu demonstrieren gibt es und Leute, die viel Zeit haben, gibt es auch. Vielleicht als Demonstrationsberater tätig werden? Aber, nach kurzem Nachdenken, muss ich die Idee verwerfen:

 

Leute, die das Geld haben mich dafür zu bezahlen, sind auf der Börse und nicht auf der Strasse und haben für tägliche Demonstrationen keine Zeit. Franzosen wären auch nicht diszipliniert genug. Ein Freund kommt vorbei, lädt ein ins Café, und schon werden die Stellwände sich selbst überlassen. Temporäre Teilnehmer suchen nach ihren Papptafeln und finden sie im Rinnstein wieder. Und vor allem: Ich bin sicher, dass jede Polizeidienststelle in Frankreich, von Verdun bis Versailles, von Avignon bis Arcachon eine solche « Demonstration » nicht genehmigen würde, trotz erwiesener und geprüfter Erfahrung in Köln, mehr noch, man würde den Antragsteller für leicht gestört halten.



Ich möchte Sie nun zum Besuch meiner Petition einladen, sie ruft Ausländer dazu auf, die Stadt Köln touristisch zu boykottieren, solange die Hasswand steht. Aber ich könnte sie auch eine « Demonstration » nennen. Wie die Hasswand des Walter Herrmann ist sie immer an derselben Stelle. Hier sind alle Teilnehmer temporär. Statt Papptafeln gibt es Einträge mit den Unterschriften unter die Petition. Statt Stift die Tastatur des Computers. Stellwände, virtuell, gibt es drei: der Petitionstext auf französisch, englisch und deutsch.

http://www.ipetitions.com/petition/boycott_tourisitique_de_cologne/



Ich gebe einen Eintrag eines Unterzeichners wider: « Diese antisemitische Hasswand muss verschwinden! Meine skandinavischen Freunde sind empört und werden Köln meiden, solange dieser Schandfleck vor dem Kölner Dom! nicht entfernt wurde. « 



Die Kampagne gegen die Hasswand wird fortgesetzt.



Mit freundlichem Gruss



Reiner Schleicher



Publié dans Satiren

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