« History Entertainement » - Erlebnis-Parks der dritten Art

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Der Erlebnispark Honeckerland – Chance oder Zumutung ?

Die einen werden jubeln: Der für Januar 2013 vorgesehene Park sei eine grosse Chance für eine unter massiver Arbeitslosigkeit leidende Region. Andere werden moralische und politische Bedenken äussern gegen die « kommerzielle Vermarktung der Geschichte eines totalitären Regimes », so der Sprecher des Kommitees « Gegen den Park Honeckerland – für historische Wahrheit. ». Nach der vom Präsidenten der History Entertainement Corporation geschaffenen Rechtslage ist deren rechtlicher Spielraum bereits ausgeschöpft schon bevor der Erlebnispark offiziell eröffnet wird ...

Die Hintergründe

 

Das biedere Abbild einer totalitären Herrschaft - das war das "Design" der DDR-Elite. In der deutschen Gesellschaft, in der guter Geschmack schrecklich wichtig ist, ist mit schlechtem Geschmack, richtig verkauft, gutes Geld zu machen. Frühere Artisten des DDR-Staatszirkus betreiben seit Mai 2007 mit großem Erfolg das Hotel Ostel, mit Original-DDR-Design ausgestattet. Die Resonanz ist überwiegend positiv, RPO-Online zum Beispiel titelt: "Traumhafte Nächte im DDR-Kitsch" (21.6.07), Nur wenige Stimmen verbinden mit dem DDR-­Kitsch Alpträume: Von einer "Verhöhnung der Opfer ..., einer Beleidigung all derer, die in der DDR gelitten haben", sprach Richard Buchner vom Vorstand der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, die ehemalige DDR­Bürgerrechtlerin Freya Klier nannte es "atemberaubend dumm und bösartig"

 

Auch alle möglichen DDR-Utensilien finden guten Absatz. Hinzu kommt: die Verklärung der DDR-Herrschaft als ein Staat, in der alles so schlecht nicht war, der sozialer gewesen sei als das westdeutsche System usw, eine mangelnde Aufklärung in den Schulen, dazu führend, daß nach einer Studie des Forschungsverbundes der Freien Universität Berlin ein Viertel der befragten Schüler die Kennzeichung "Diktatur" für die DDR-Herrschaft ausdrücklich ablehnen ...

Nachgestellte DDR im Erlebnispark Honeckerland

 

 

Wenn eine Geschäftsidee gut ist und funktioniert, zieht sie Nachahmer an, die oft versuchen,

noch einen Schritt weiterzugehen. Mit großen Mitteln wird zu Beginn des Jahres 2013

ein neuartiges Projekt verwirklicht werden, in

einer unter Strukturproblemen und Arbeitslosigkeit schwer leidenden Region, in der Nähe der

polnischen Grenze, auf einem riesigen Areal:

der "Erlebnispark Honeckerland", finanziert von der History Entertainement Corporation.

 

Auf dem 10 ha großem Gelände wird der Erlebnispark eingegrenzt von einer

nachgebauten Zonengrenze, jedoch ohneGebrauch der Schußwaffe und

auch - nach Protesten durch die örtlichen Tierschutzvereine - ohne Hundestaffel. Der

Eingang zum Park ist eine Pforte, die dem Checkpoint ­Charlie nachempfunden ist,

bezahlt werden kann mit allen gängigen Kreditkarten und Devisen, umgetauscht in DDR-Geld,

das hier und nur hier wieder auflebt und das gültigeZahlungsmittel ist im Honeckerpark.

West-PKWs müßen vor dem Erlebnispark auf einem überwachtem Gelände

abgestellt werden. Wer fahren will, kann sich einen Trabi oder einen Lada ausleihen.

Spirituosen und Westzigarettengibt es in Intershops.

Es ist also zu empfehlen nicht sein gesamtes "Westgeld" in "DDR-Mark" umzutauschen.

Preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten bietet ein Hotel an,

das natürlich im DDR-Design durch- und durchgestylt ist.

 

Ungenießbares Essen von ausgesucht unfreundlicher Bedienung serviert gibt es in der "Speisegaststätte Thälmann", Bücher, die garantiert keine Käufer finden - die gesammelten Werke von Karl Marx, die Erinnerungen von Erich Honecker, die Beschlüsse sämtlicher Parteitage von Anfang bis Ende der DDR-Republik gibt es im "Volksbuch" in der Rosa-Luxemburg-Strasse. In dem Heim für Volkserziehung und Fortbildung in der Ernst-Thälmann Strasse - der zweiten und letzten Strasse des Erlebnisparkes - sind 20 Computer - Intel inside, Robotron outside - auf morschen Schreibtischen aufgestellt, hier wird das Computer­Rollenspiel "Republikflucht", eine eigene Entwicklung des Erlebnisparkes, gespielt: mindestens sechs Personen spielen gegeneinander, zu gleichen Teilen ein Team von Republikflüchtigen und von Soldaten der Volksarmee, die einen unter Lebensgefahr ihre Flucht versuchend und die anderen, diese verhindernd.

Vor den Toren des Erlebnisparkes wird ein Burger-King, ein italienisches und ein deutsches Speiserestaurant für das leibliche Wohl der Besucher sorgen, die nicht in der Speisegaststätte Thälmann essen möchten ...

 

Die Betreiber der historischen Erlebnisparks

 

Jean-Yves Faltin (Kontakt: Personalbüro Europa der History Entertainement Corp., z.Hd. Jean-Yves Faltin, jeanyvesfaltin@voila.fr)geboren in Quebec, Sohn einer österreichischen Mutter und eines kanadischen Vaters, siedelte nach seinem Studium nach Frankreich über. Der erfolgreiche und ideenreiche Architekt und Bauunternehmer sieht sich selbst als Weltbürger, heute hat er Büros im 17. Arrondissement von Paris und in der 5th Avenue von New York. Sein Erfolgskonzept sind Erlebnisparks, in denen Geschichte nachgemacht wird für Nervenkitzel und Entspannung. Er würde hinzufügen: und für Aufklärung. Seit einem Jahr gibt es nun schon den Erlebnispark « Apartheid-Parc » in der Nähe von Los Angeles. Weitere Parks (zu anderen Themen) sind geplant, in Deutschland wird er heissen : Honeckerland, und soll im Ostteil Deutschlands, in der Nähe zur polnischen Grenze verwirklicht werden.

Im « New Yorker » beschreibt Jean-Yves Faltin den Apartheid-Park bei Los Angeles:« Der Park umfasst mehrere Strassenzüge, die der südafrikanischen Hauptstadt Johannesburg täuschend ähnlich sehen. Wir fügten alle Merkmale der damaligen Rassengesellschaft hinzu. Schilder « Nur für Weiße » auf Bänken und vor Kirchen, getrennte Busse usw. Der Anteil rassistischer Gewaltakte im Großraum Los Angeles ist im Vergleich zum Vorjahr um 25 % gefallen. Ist dieses virtuelle Eintauchen in eine Welt der Rassentrennung ein Mittel, Agressionen auf eine nicht schädliche Art und Weise abzubauen? Hat der Apartheid-Parc einen therapeutischen Wert? Es ist noch zu früh, dies zu sagen, wissenschaftlich abgesicherte Fakten gibt es noch nicht, aber wir sind sehr optimistisch. Etwa ein Drittel der Besucher sind Schwarze.Die Weißen kommen in der Regel nur ein einziges Mal, um den Park kennenzulernen, aber einige kommen auch jeden Tag für eine halbe Stunde. »

 

Er erklärt das Konzept der historischen Erlebnisparks so: « Wir brauchen Geschichte zum Anfassen. Wir verbinden Unterhaltung mit Aufklärung. Wir leben im Zeitalter des Bildes, des Visuellen. Dies ist der Film, das Fernsehen, und auch das Internet. Das Dreidimensionale des Erlebnisparkes geht darüber hinaus. Die Opfer selbst kommen zu Wort, denn sie machen die Führungen durch den Apartheid-Parc. Manche Besucher haben sie regelrecht adoptiert und verlangen bei jedem Besuch nach « ihrem » Führer.

Durch diese emotionale Adoption des früheren Opfers durch den Besucher lernt er viel über diese Vergangenheit. Nicolas Sarkozy hat diese Idee für die 10- bis 11-Jährigen in der Schule, die die von den Nazis verschleppten und ermordeten jüdischen Kinder während der deutschen Besetzung emotional adoptieren sollen. Hier geht er weit über das heraus, was die History Entertainement Corporation betreibt und plant. Wir erlauben nur jungen Leuten ab 16 Jahren den Zutritt. Aber es zeigt: Diese Methode hat Zukunft. Die Geschichte geht manchmal zu schnell. Wir wollen sie zurückholen, anhalten, rekonstruieren. Die ehemaligen DDR Bürger zum Beispiel können sich im Erlebnispark Honeckerland vom Stress im wiedervereinigten Deutschland erholen und die Bürger, die die DDR nicht aus eigener Erfahrung her kannten, können sich durch den Erlebnispark besser ein eigenes Bild machen als durch Bücher.« 

Zu den zukünftigen Projekten der History Entertainement Corp. sagt er:

« Die History Entertainement Corp. will sich nicht darauf beschränken, lang vergangene Geschichte in Parks zu inszenieren. Wir bereiten uns heute schon auf absehbare historische Entwicklungen vor, entwickeln Konzepte für entsprechende Parks. Wir bereiten uns auf den Untergang des Castro-Regimes vor und auf den Zusammenbruch des Regimes in Nord-Korea und werden - sobald es soweit ist – nach diesen historischen Umbrüchen, innerhalb einer Frist von sechs Monaten bis einem Jahr, Erlebnisparks zu Kuba und Nordkorea einrichten, den Kuba-Park auf der Insel selbst und den Nordkorea-Park in der Nähe von Seoul. »

Warum verschweigt Jean-Yves Faltin, dass die History Entertainement Corporation für den Park « Honeckerland » EU-Gelder beantragt hat ?

Zwei Jahre später am 2. Oktober 2012 erklärt er derselben Zeitschrift:

« Das Projekt Honeckerland wird wie geplant verwirklicht. Ich habe die Zeit gut genutzt. Ich wollte auf Nummer Sicher gehen. Ich habe mit Gegnern des Projektes in mehreren Instanzen und verschiedenen Ebenen Gerichtsprozesse durchgefochten und sie in wesentlichen Teilen gewonnen. Dabei habe ich mit meinen Prozessgegnern eine Vereinbarung getroffen : Ich zahle Eure Anwalts- und Gerichtskosten, egal wie der Prozess ausgeht, Ihr könnt Euch die teuersten Rechtsanwälte leisten – als Gegenleistung will ich völliges Stillschweigen, vor, während und nach dem Prozess. »

 

« Andere Gründe das Projekt aufzuschieben waren politische. Ich habe grosse Teile der Partei der Linken für mein Projekt gewinnen können. Prominente Vertreter de Linkspartei unterstützen es. Und seit zwei Jahren habe ich mehrere freie Mitarbeiter beschäftigt in den neuen Bundesländern, die Lobbyarbeit für mich machen. Sie sollen die Akzeptanz des Projektes durch die Öffentlichkeit vorbereiten. Der erfolgreichste unter ihnen wird nun Pressesprecher des Erlebnisparks. »

 

« Auch die Gegner des Erlebnisparks Honeckerland können nicht übersehen, dass ich Arbeitsplätze schaffe: zweihundert neue Arbeitsplätze, mit richtigen Gehältern, keine 400 €-Jobs, in Vollzeit und in Teilzeit : Küchenpersonal, Automechaniker, Verkaufspersonal, Fremdenführer, mehr als die Hälfte für eine Altersgruppe, die kaum noch Chancen hat auf dem Arbeitsmarkt : die Senioren, die über 50 Jährigen. Gegenüber diesem Arbeitsplätze-Argument werden die anderen Argumente, politischer und moralischer Natur, ganz rasch verstummen. »

Ein schmerzlicher, aber notwendiger Kompromiß ?

Trotz Stillschweigen durch Faltins Gegner in seinen Prozessen sickerte die Neuigkeit durch, Opfer des Stasi-Regimes erfuhren davon und protestierten. Nun wird nun gleich im Anschluß an den Eingang ein "Lehr- und Informationsraum zur ehemaligen DDR" eingerichtet, in dem der Besucher die historische Wahrheit über dieses Regime erfahren kann. "Ein schmerzlicher, aber notwendiger Kompromiß", so erklärte uns ein ehemaliger Verfolgter des Stasi Regimes, der ungenannt bleiben will, "denn gegen das Argument der Schaffung von Arbeitsplätzen in dieser von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelten Region kann man nicht ankommen. Wir hätten sonst die Bevölkerung gegen uns, sollten wir versuchen, dieses geschmacklose Projekt zu verhindern. Wir konnten aber durchsetzen, daß an diesem Ort auch Aufklärung betrieben wird."

Die Marketing-­Abteilung der History Entertainement Corporation hat flexibel und intelligent dieses Zugeständnis in ihre Werbekampagne einbezogen. So heißt der Erlebnispark Honeckerland jetzt offiziell "Lern- und Erlebnispark Honeckerland" ...

 

Spötter erfanden einen anderen Namen für dieses Projekt. Sie nennen es schlicht: "DDR", deutscher demokratischer Rummelplatz ...

 

 

 

 

Dieser Text ist eine Fiktion. Aber die zahlreichen Versuche, totalitäre Regimes zu verharmlosen und zu verklären sind nicht fiktiv.

 

© Reiner Schleicher

 


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