Pariser Evakierungspläne für Israelis mit französischem Pass

Publié le par reinerschleicher.over-blog.com

Zweihunderttausend.

 

Das ist die Zahl der Israelis mit französischem Pass, für die das französische Aussenministerium in Zusammenarbeit mit der Botschaft ein Evakuierungsprogramm im Kriegsfalle ausgearbeitet hat. (1)

 

Zweihunderttausend. Auch in israelischen Massstäben, bei einer Gesamtbevölkerungszahl von ca 7,5 Millionen, unbedeutend, zählt diese franco-israelische Gemeinschaft zu den kleinsten Volksgruppen im Vielvölkerstaat Israel. Im Gegensatz zu anderen, wie den ungleich mehr Russen, interessiert sich Frankreich aber für die in Israel lebenden Doppelstaatler. Frankreich hat weder sein kulturelles und sprachliches Sendungsbewusstsein noch seine Fürsorge für seine Staatsangehörigen vergessen, und auch nicht seine politische Ambition, in der Lösung des Nahostkonfliktes eine Rolle zu spielen.

 

Zweihunderttausend. Das ist weniger als die Einwohnerzahl des 15. Arrondisements von Paris, mehr als die der ostfranzösischen Stadt Strasbourg.

 

Zweihunderttausend. Eine in normalen Zeiten zu vernachlässigende Grösse in französischen Massstäben, als Flüchtlingsstrom aber kaum. Sicher würde die Existenz ein solcher Masse jüdischer Flüchtlinge aus Israel in französischen Lagern zu einem Anstieg antisemitischer Stimmungen und Taten in Frankreich führen.

 

« Fliehen gehört nicht zu den Projekten der in Israel lebenden Franzosen », heisst es arrogant im Begleittext zu dem Video (1), in dem die Evakuierungspläne erklärt und kommentiert werden, als ob Bevölkerungen, die aus ihrer Heimat flohen im Kriegsfall, dies jemals vorher als ihr Projekt erklärt hätten. Das haben die algerischen Pieds-Noirs gemein mit den heute aus Syrien Fliehenden, um nur diese beiden Beispiele zu nennen.

 

Da diese zweihunderttausend Israelis auch französische Staatsbürger sind ist es natürlich die Pflicht Frankreichs, sich Gedanken zu machen über eine eventuelle Evakuierung im Kriegsfall, unabhängig von Spekulationen, wieviele dieser Israelis mit französischem Pass dieses Angebot wahrnehmen werden. Nichts gibt darüber eine einigermassen sichere Auskunft, auch die geringe Wahlbeteiligung der französischen Israelis an den Wahlen zum französischen Parlament kann dafür nicht herhalten.

 

Ich habe französische Juden befragt, die sich in verantwortlicher Position oder als einfache Mitglieder in pro-israelischen Foren, Blogs und Medien beteiligen, was sie von diesem Evakuierungsprogramm halten. Victor Perez (2) antwortete mir kategorisch : « Unverständlich und ganz in der französischen Logik der Kollaboration mit dem Feind. Das Frankreich mit den Werten meiner Kindheit gibt es nicht mehr. » Ein Frankreich, das die französische Staatsangehörigkeit israelischer Staatsbürger ernst nimmt, nicht nur, um die Teilnahme Israels an der « Francophonie » zu fordern, sondern sie auch, falls sie es wünschen, nach Frankreich zu holen im Kriegsfall, wird damit zum Komplizen mit den Feinden Israels? Die französische Diplomatie ist doch ein wenig komplexer als es dieses grobe Freund/Feind-Raster sieht.

 

Jean-Marc Moskovicz, Gründer des Vereins Europe-Israel (3), ist etwas behutsamer : « Ich habe da kein besonderes Urteil, aber ich weiss, dass alle Franzosen, die sich in Israel niedergelassen haben, im Kriegsfalle in Israel bleiben werden. Es ist die französische Regierung, die glauben lässt, dass es eine Flucht von diesen Leuten geben könnte, aber ich kenne viele und heute fühlen sie sich als Israelis und nicht als Franzosen. » Ähnlich wie Victor Perez sieht er diese Evakuationspläne als ein Manöver Frankreichs («  Es ist die französische Regierung, die glauben lässt, dass es eine Flucht von diesen Leuten geben könnte ... »), aber anders als Victor Perez lässt er sich nicht aus über die Motive Frankreichs für ein solches Manöver.

 

Jean Loubatieres, wie Perez oder Moscovicz glühende Verfechterin Israels aber anders als diese dem linken politischen Spektrum zugehörig, schwört : « 'Das' wird nicht eintreten, baroukh HaChem (Gott sei gelobt) ! Ich sehe eine massive Erhebung (zukünftiger) Gerechter unter den Völkern voraus, um Israel zu verteidigen … und um seine Existenz zu bewahren ! » Diese Gewissheit dürfte sich am allerwenigsten bewahrheiten. Gilles-William Goldnadel (4), Vorsitzender der Vereinigung France-Israel (5), erklärt kategorisch: « Die französischen Bürger werden mit den Israelis solidarisch sein und nicht weggehen. »

 

Alain Sayada, für die Zeitschrift Israel Actualites (6), sagte mir: « Der Plan der französischen Regierung, der die Evakuation israelischer Bürger französischer Nationalität vorsieht, ist eine gute Sache, aber ich glaube nicht eine Sekunde, dass die französischer Bürger jüdischen Glaubens den Mut haben werden, ihre jüdischen Bürger zu verlassen, in diesen schwierigen Momenten. Sie würden den Eindruck haben, das Schiff zu verlassen und ihren Bruder in der Patsche zu lassen. Dieser Evakuationsplan wird nur den Angehörigen verschiedener französischer Verwaltungen und ihren Familien und den Expatriaten dienen, die für französische Unternehmen in Israel arbeiten … und die froh wären, die Gegend im Konfliktfall zu verlassen. Was mich selbst betrifft, trotz der Tatsache, dass ich nicht Israeli sondern französischer Staatsangehöriger bin, ich werde in Israel bleiben, um meine israelischen Brüder zu unterstützen und im Konfliktfall meinen Teil militärischer Kraftanstrengung zu leisten. (…) « 

 

Wieweit diese Überzeugungen über das Verhalten der Franco-Israelis im Kriegsfalle kontrastieren mit dem, was dann tatsächlich geschehen wird, wird sich hoffentlich nicht herausstellen. Aber die Existenz dieser Evakuierungspläne ist ein sicheres Indiz dafür, dass Paris die Gefahr eines kommenden Krieges im Herzen Israels sehr ernst nimmt.

 

Oder existieren diese Evakuierungspläne gar nicht? Jacques Benillouche hat mit dem französischen Botschafter Christophe Bigot ein Video-Interview geführt; daraus geht hervor, dass es solche Evakuationspläne gar nicht gäbe, es handele sich um normale Schutzmassnahmen für Auslandsfranzosen ohne Zusammenhang mit dem Dossier Iran. Eine kleine von den Medien zu sehr breit getretene Affäre, wie Jacques Benillouche titelt. (7) Aber gibt es überhaupt in der Geschichte Aussagen von Diplomaten, denen das Dementi nicht auf dem Fuss folgt ?

 

Auf der sich als pro-palästinensisch bezeichnenden Seite, der Assoziation EuroPalestine, erklärt Nicolas Shahshahani (8), die Frage zu französischen Evakuationsplänen aus Israel im Kriegsfalle zu einem Nicht-Thema: Infolive sei ein Teil des israelischen Propaganda-Apparates, wäre daher keine verlässliche Informationsquelle und er hätte daher keinen Kommentar dazu abzugeben …

 

Während der französische Botschafter über Evakuierungen nachdenkt (oder eben doch nicht ?), ist am anderen Ende der Diplomatie, in Paris, Laurent Fabius damit beschäftigt, zu versuchen, den Krieg abzuwenden. Am 3. September 2012 erklärte er gegenüber dem Fernsehsender BFMTV: « Ich bin gegenüber der Tatsache, dass Iran die Nuklearwaffe besässe, absolut feindlich eingestellt aber ich denke, wenn es einen israelischen Angriff gäbe, würde sich das leider gegen Israel wenden und Iran in die Situation des Opfers geraten » (9) « Fabius plädierte erneut für eine Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran. Zugleich müssten die Verhandlungen mit dem Land fortgesetzt werden, um die Regierung in Teheran zum Einlenken zu bewegen. » (10) Man kann diese von Laurent Fabius verteidigte Doppelstrategie gegenüber Teheran der Sanktionen plus Verhandlungen als vergebliche Liebesmüh' und unrealistisch einschätzen und damit als letzten Endes gefährlich, lebensbedrohlich für Israel. Es bleibt dennoch legitim, dass die französische Diplomatie auf diesem Weg weiter versucht, die nukleare Bewaffnung des Irans zu verhindern und einen Militärschlag Israels überflüssig zu machen. Seine kurze Erklärung gegenüber BFMTV geht aber noch einen Schritt weiter. Ein israelischer Angriff würde sich gegen Israel richten und den Iran in die Opferrolle bringen. Würde er das? Gibt es da (« leider ») die von Laurent Fabius suggerierte Zwangsläufigkeit? Wäre es nicht die Verantwortung Frankreichs schon heute zu erklären, dass der nach nuklearer Macht greifende Iran, der die Vernichtung Israels durch jedes Mittel ausdrücklich und wiederholt fordert, in der Rolle des Angreifers ist, und eben nicht Israel? Würde er als französischer Aussenminister im Kriegsfalle dieser Verkehrung der Opfer/Angreifer-Rolle zwar mit Bedauern aber tatsächlich wort- und tatenlos zusehen? Ist diese Zweideutigkeit vielleicht auch eine vorauseilende Rücksichtsnahme auf Stimmen in seiner Partei, bei denen es sicher ist, dass sie im Falle eines israelischen Angriffes auf den Iran die Linke innerhalb und ausserhalb der Sozialistischen Partei zu Aktionen aufrufen würden gegen den « Angreifer Israel » zur Verteidigung des « Opfers Iran »? Eine dieser sehr « israel-kritischen » Stimmen ist sein Ministerkollege Arnaud Montebourg, « Minister für die Belebung der Produktion ». Montebourg spricht von « Provokationen Israels und seiner extremistischen Regierung», sagt, dass Frankreich und Europa « Druck ausüben müssten auf Israel, um den Friedensprozess voranzubringen », « er wäre für die Anerkennung eines palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967 » … ohne ein einziges kritisches Wort gegenüber den palästinensischen Führungen zu verlieren : nach seiner Lesart sind die Palästinenser Opfer des gescheiterten Friedensprozesses im Nahen Osten, aber ohne irgendwelche Verantwortung für dessen Scheitern zu haben. (11)

 

© Reiner Schleicher / http://reinerschleicher.over-blog.com

 

Thanks to Denis Kassel from Israel, who has given some useful informations, and for their answers to my question about this matter: to Jean-Marc Moskovicz, Gilles-William Goldnadel, Alain Sayada, Victor Perez and Jean Loubatieres as engaged for Israel in blogs, sites and Internet groups, and also to Nicolas Shahshahani from EuroPalestine.

 

(1) http://www.youtube.com/watch?v=7QILGFc9rTk&feature=player_embedded (2) http://www.victor-perez-blogspot.com (3) http://www.europe-israel.org (4) Mehr Informationen über G.W. Blognadel hier: http://blognadel.over-blog.com (5) http://www.france-israel.org (6) http://www.israel-actualites.tv/ (7) http://benillouche.blogspot.co.il/2012/08/interview-video-exclusive-de.html (8) Mehr Informationen über Nicolas Shahshahani zum Beispiel hier: http://www.aljazeera.com/indepth/features/2011/09/201192343750232386.html (9) http://tempsreel.nouvelobs.com/monde/20120903.OBS1072/fabius-une-frappe-contre-l-iran-se-retournerait-contre-israel.html (10) http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1285778/Frankreich-warnt-Israel-vor-Luftangriffen-auf-Iran? (11) http://les-francophones-d-israel.over-blog.com/article-arnaud-montebourg-un-grand-ennemi-d-israel-87981173.html

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